
Konzertlesung: Rifkas Geschichte berührte – und stellt Fragen an uns
Wie frei sind wir wirklich, wenn es um die Liebe und die Entscheidungen für unser eigenes Leben geht? Und wer bestimmt, was eine Frau darf – und was nicht? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Konzertlesung in der ehemaligen Synagoge in Hochberg. Die Besucherinnen und Besucher lernten unter dem Titel „Liebe in einer kleinen Stadt“ eine Geschichte kennen, die vor mehr als hundert Jahren im bosnischen Višegrad spielt und doch erstaunlich nah an unserer Gegenwart liegt.
Im Zentrum der Erzählung des späteren Literaturnobelpreisträgers Ivo Andrić steht Rifka, die junge Tochter eines wohlhabenden jüdischen Kaufmanns. Als sie sich verliebt, gerät ihr Leben in den Blick einer Gemeinschaft, deren Regeln und Erwartungen kaum Raum für persönliche Freiheit lassen. Was einem Mann als Liebesabenteuer zugestanden wird, kann für eine Frau zum Verlust von Ansehen und gesellschaftlicher Sicherheit werden. Andrić erzählt von ungleichen Maßstäben, mit denen Frauen und Männer beurteilt werden.
Die Geschichte Rifkas ließ das Publikum nicht unberührt. Ihre Tragik wurde nicht als fernes historisches Schicksal wahrgenommen, sondern als menschliche Erfahrung, die Fragen aufwirft, die bis heute aktuell sind: Wie viel Freiheit gestehen wir anderen zu? Wie schnell urteilen wir über Menschen, die gegen Erwartungen verstoßen? Und wie viel Mut braucht es, den eigenen Weg zu gehen, wenn das Umfeld einen anderen vorgibt?
Für eine besondere Atmosphäre sorgte das Duo D’Ané. Die Klarinettistin Elke Bürger und die Akkordeonistin Janina Rüger-Aamot begleiteten die Lesung mit einer Musik, die den Worten Raum gab und zugleich eigene emotionale Akzente setzte. Die ungewöhnliche Verbindung der beiden Instrumente eröffnete Klangräume zwischen Zartheit, Melancholie und Intensität. Text und Musik ergänzten sich zu einem Gesamterlebnis, das die Zuhörenden nicht nur verstandesmäßig, sondern auch emotional erreichen sollte.
Besonders eindrücklich gelang die Brücke von Rifkas Welt in die Gegenwart. Die Aktualisierung der Geschichte mit Stimmen aus dem heutigen Remseck machte deutlich, dass gesellschaftliche Erwartungen und die Grenzen persönlicher Selbstbestimmung keineswegs nur historische Themen sind. Aus einer literarischen Erzählung wurde ein Anlass, über das eigene Umfeld und den Umgang miteinander nachzudenken. In die Geschichte verwoben wurde die Orange Bank als Symbol gegen Gewalt an Frauen und Mädchen. Es handelt sich um orangefarbene Sitzbänke im öffentlichen Raum, auf denen auch wichtige Kontaktinformationen wie die Nummer des bundesweiten Hilfetelefons „Gewalt gegen Frauen“ (116 016) stehen. Die Aktion soll das Bewusstsein für geschlechtsspezifische Gewalt schärfen und Betroffenen einen niedrigschwelligen Weg zu Hilfe zeigen. Im März 2026 beschloss der Remsecker Gemeinderat die Aufstellung einer Orangen Bank in Remseck-Aldingen am Haus der Bürger. Am 16. November 2026 wird die Bank im Rahmen der landesweiten „MACH DICH STARK“-Tage eingeweiht werden.
Am Ende der Konzertlesung blieb mehr als die Erinnerung an eine Verbindung von Literatur und Musik. Rifkas Geschichte mahnt, genauer hinzusehen, wenn mit zweierlei Maß gemessen wird. Ein Abend, der möglicherweise nachklingt.
Foto: D’Ané (Elke Bürger und Janina Rüger-Aaamot)
Das Programmheft gibt es hier: Faltblatt Konzertlesung
















