

Neues altes Foto des jüdischen Friedhofs
In einem Nachlass zweier Bücher zur Hochberger jüdischen Gemeinde, der Beth Shalom übergeben wurde, fand sich eingelegt die Fotokopie einer alten Fotografie des Hochberger jüdischen Friedhofs. Dieses Foto ist bisher nicht bekannt. Es ist in keinem Buch zu Hochberg enthalten, auch im Stadtarchiv findet sich kein Exemplar. Als die bisher ältesten Fotos des jüdischen Friedhofs gelten zwei aus dem Jahr 1932, die die Israelitische Religionsgemeinschaft in Württemberg in ihrem Buch „Jüdische Gotteshäuser und Friedhöfe in Württemberg“ (Frankfurt/M. 1932, S.86f.) veröffentlicht hat. Auf diesen beiden Fotos ist der untere und mittlere Teil des Friedhofs zu sehen. Der heutige Hangwald ist nicht vorhanden. Man hatte einen freien Blick auf den Neckar Richtung Heilbronn. Dieser freie Blick liegt auch bei dem neuen alten Foto vor. Das weist auf einen ähnlichen Zeithorizont hin. Interessant ist das Bild vor allem, weil es den oberen Teil des Friedhofs mit den jüngsten Gräbern abbildet, der in genanntem Buch nicht berücksichtigt ist. Stellt man sich heute exakt an die Stelle des damaligen Fotografen (zweites Bild) wird es spannend: Das jüngste Grab auf dem Friedhof von Karoline Falk im Vordergrund, die am 28.10.1925 starb, ist auf dem alten Bild noch nicht vorhanden. Da im Judentum der Grabstein gewöhnlich am ersten Jahrtag des Todes gesetzt wird, muss das alte Foto somit vor den 28.10.1926 datiert werden und ist damit das älteste Foto des Friedhofs, das wir im Moment haben. Das Foto bestätigt auch eine Vermutung von Ulrike Sill, die die Dokumentation „Der Jüdische Friedhof in Remseck-Hochberg“ 2003 veröffentlichte. Sill vermutet, dass es bei der Wiederinstandsetzung nach der Friedhofsschändung in der NS-Zeit im Januar 1946 nicht gelang, alle den Neckarhang hinuntergestürzten Grabsteine an den richtigen Platz zurückzustellen. In zwei Fällen konnte sie mit den Fotos von 1932 nachweisen, dass die Steine nicht an der richtigen Stelle stehen. Beim neu entdeckten Foto fällt in der Mitte sofort der Grabstein der „doppelten Fanni“ mit den zwei eingelassenen Marmortafeln ins Auge. Dieses Grab von Schwiegermutter (gestorben 4.11.1896) und Schwiegertochter Fanni Fellheimer (gestorben 12.5.1897) ist eines von zwei Doppelgräbern auf dem Friedhof. Er steht heute links vom Grabstein der Fanny Falk (Stiefmutter von Adolf Falk, gestorben 12.5.1901) außerhalb des Bildausschnittes. Auf dem alten Foto steht er rechts von Fanny Falks Stein. Am ursprünglichen Platz der „doppelten Fanni“ steht heute der Grabstein von Madele Anschel (gestorben 13.3.1879), der sich ursprünglich an einer ganz anderen Stelle befunden haben muss. Auch an der Friedhofsmauer sieht man, dass der Grabstein von Gustav Kusiel (gestorben 30.8.1896) heute anderthalb Meter weiter links steht. Auf dem alten Foto wird er vom Stein der Fanny Falk im Vordergrund zum großen Teil abgedeckt. Fanny Falks Stein wurde später mutwillig beschädigt. Das auf dem alten Foto über der eingelassenen Marmortafel gut erkennbare gemeißelte Blumengebinde wurde weggeschlagen. Die übrigen Grabsteine sind standortidentisch. Das Grab von Benjamin Löw (gestorben 23.9.1891) im Hintergrund war früher offensichtlich mit einem kleinen Zaun umgrenzt, der heute nicht mehr vorhanden ist. Insgesamt bestätigt das neu entdeckte Foto die These von Ulrike Sill, dass es 1946 nicht mehr vollständig gelang, den Friedhof im Originalzustand wiederherzustellen, da kein Mitglied der jüdischen Gemeinde befragt werden konnte.
Wir wissen, dass Adolf Falk (gestorben 1943 in London) der Fotografie zugetan war und schon 1911 ein Foto von sich und seiner 1925 gestorbenen Frau vor seinem Haus als Postkarte anfertigen ließ. Neben dem Blick ins Neckartal ist der Grabstein von Fanny Falk im Vordergrund auf dem Bild zentral. Adolf Falks leibliche Mutter starb, als er fünf Jahre alt war und seine Stiefmutter war im Anschluss seine entscheidende Bezugsperson. Möglicherweise ist das Foto im Sommer 1926 aufgenommen, bevor der Witwer Adolf Falk den Stein für seine Karoline setzen ließ.
Aufgrund der Veröffentlichung dieses Artikels im Remsecker Amtsblatt gingen drei Hinweise aus der Leserschaft ein: Eine hat uns aufgrund der persönlichen Beziehungen der Nachlassgeberin in der Vermutung bestärkt, dass das Foto von Adolf Falk stammen könnte. Ein anderer hat darauf verwiesen, dass die Flusslandschaft in der Neckaraue im Hintergrund auf die Zeit vor der Neckarkanalisierung verweist. Die Staustufe Aldingen wurde 1936-39 errichtet. In der Ludwigsburger Zeitung vom 28.06.1937 findet sich ein Artikel, der die Uferbefestigungsarbeiten zwischen Aldingen und Neckargröningen beschreibt. Wahrscheinlich ist auch der Abschnitt bis Hochberg 1937 bearbeitet worden. Während des Zweiten Weltkrieges wurden die Arbeiten eingestellt und erst in den fünfziger Jahren vollendet. Insgesamt passt diese Beobachtung zur Flusslandschaft zur Datierung des Bildes vor 1926. Wir blicken also in eine Zeit vor mindestens 100 Jahren zurück. Ein weiterer Hinweis ging ein, dass das Bild aus der Sammlung des Landeskonservators Prof. Dr. Hans Schwenke (1886-1957) stammen könnte. Seine 15.000 Fotos aus dem alten Württemberg lagern heute im Landesmedienzentrum in Stuttgart und sind online greifbar: Unter den 22 Fotos des Neckartals – vornehmlich aus den 30er Jahren – findet sich das Bild aber nicht. Aus der NS-Zeit sind auch heftige antisemitische Ausfälle Schwenkes belegt, was auch nicht zum Motiv passt.
















