
Remseck: Goethe war hier
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) gilt als bedeutendster Schriftsteller der deutschen Literaturgeschichte. Sein Name steht aber auch für Weltoffenheit, Toleranz, Nonkonformismus und Lebensklugheit. Im deutschsprachigen Raum schmücken sich daher gerne Orte mit der Anwesenheit des Dichterfürsten durch ein Schild „Hier wohnte / übernachtete / lebte Goethe …“. Niemand hat sie gezählt, man schätzt aber zwischen 200 und 500 solcher Schriftzüge an Hausfassaden und anderen Bauten. So stieg Goethe bei seiner dritten Schweizreise am 7. September 1797 in Tübingen in der Münzgasse 15 ab. Heute hängt dort ein Schild „Hier wohnte Goethe 7.-16. September 1797“. Schon vor Jahrzehnten nahmen Studenten diesen Schriftzug aufs Korn und brachten am Nachbargebäude das Schild „Hier kotzte Goethe“ an, um auf die ihrer Meinung nach übertriebene Goethe-Verehrung ironisch hinzuweisen. Beide Schilder sind heute Bestandteil von Tübinger Stadtführungen.
Dass Goethe ein paar Tage vor seinem Zwischenstopp in Tübingen auf dem Weg in die Schweiz auch in den Remsecker Vorgängerorten vorbeischaute, ist bisher kaum bekannt. Im Faltblatt „Historischer Rundgang durch Remseck-Hochberg“ der Stadtverwaltung (2009) ist der Aufenthalt in Hochberg kurz erwähnt, wird aber fälschlich der berühmten Italienischen Reise des Dichters zugeordnet, die schon 1786 bis 1788 stattfand. Goethe besichtigte aber erst 1797 das Heerlager der kaiserlichen Truppen in der Neckaraue zwischen Mühlhausen und Hochberg am Ende des Ersten Koalitionskrieges der europäischen Mächte (1792-1797) gegen das revolutionäre Frankreich. Seine Tagebuchaufzeichnung vom 03.09.1797 lautet: „Den 3ten Sept. fuhren wir ins kaiserliche Lager. Wir kamen durch Berg, worauf die Hauptattake von Moreau gerichtet war, dann auf Kanstadt, Münster sahen wir im Grunde liegen. Wir kamen durch Schmieden und fingen an das Lager zu übersehen. Der lincke Flügel lehnt sich an Mühlhausen, alsdenn zieht es sich über Altingen bis gegen Hohberg. In Neckar Rems wurden wir vom Hauptmann Jakardowsky vom General Stabe gut aufgenommen, der uns erst früh das Lager überhaupt von dem Berge bey Hohberg zeigte, und gegen Abend an der ganzen Fronte bis gegen Mühlhausen hinführte. Wir nahmen den Weg nach Kornwestheim, da wir denn auf die Ludwigsburger Chaussee kamen und so nach der Stadt zurückfuhren. Abends bey Dannecker. Im Lager mögen etwa 25000 Mann stehen, das Hauptquartier des Erzherzogs wird in Hohberg seyn. Der Pfarrer in Neckar Rems heißt Zeller, der Oberamtmann von Kannstadt Seyfarth und ist ein Bruder des Professors in Göttingen.“ Goethe war somit in Neckarrems und Hochberg, streifte aber wohl auch Aldingen und wird beim Rückweg von Hochberg nach Mühlhausen durch Neckargröningen gekommen sein. Der „Berge bey Hohberg“ wird das Hochberger Schloss gewesen sein, zumal der kaiserliche Erzherzog dort sein Hauptquartier aufschlug, ganz sicher ist das aber nicht. Ein Schild „Hier schaute Goethe am 3. September 1797 auf das kaiserliche Heerlager in der Neckaraue“ am Hochberger Schloss wäre aber doch übertrieben. Froh können wir sein, dass Goethe keine Wertungen abgab. Er verachtete Fachwerkstädte, die wir heute lieben: „Die Stadt selbst ist abscheulich“ (Tübingen), „übelgebautes, schmutziges Landstädtchen“ (Besigheim). Kein derartiges Wort zu Hochberg und Neckarrems.
Foto: Johann Wolfgang von Goethe, Gemälde v. J.K.Stieler 1828, Neue Pinakothek, Wikimedia Commons
















