
Ascher Kusiel
Ascher Kusiel war einer der letzten Juden Hochbergs. Der alleinstehende Mann starb am 13. Februar 1916 und wurde auf dem Hochberger jüdischen Friedhof beigesetzt. Sein Grabstein aus Bundsandstein mit eingefügter Marmortafel ist gut erhalten. Es handelt sich vermutlich um die drittletzte Bestattung auf dem Friedhof. Wie viele junge jüdische Hochberger in den 1850er Jahren versuchte auch Ascher sein Glück in den USA und wanderte Anfang 1854 mit 19 Jahren aus. Das Amts- und Intelligenzblatt für den Oberamts-Bezirk Waiblingen vom 14.03.1854 machte diese Auswanderung auf der Titelseite bekannt. Bereits 1857 kehrte Ascher jedoch nach Hochberg zurück. Solche Rückwanderungen waren damals gar nicht selten. Man schätzt, dass über 20% der Auswanderer aus Deutschland in die USA im 19. Jh. nach wenigen Jahren wieder zurückkehrten. Auch aus Hochberg sind mehrere solcher Fälle bekannt. Grund war meist die Enttäuschung über das Leben in den USA. Völlig übersteigerte Erwartungen konnten nicht erfüllt werden und ein wirtschaftlicher Erfolg stellte sich nicht ein. In Einzelfällen wurden aber im Gegenteil die finanziellen Ziele schnell erreicht und die Auswanderer kehrten mit Ersparnissen in die alte Heimat zurück. Bei Ascher scheint Letzteres der Fall gewesen zu sein. Er lebte fortan als Privatier in Hochberg und vergab Privatdarlehen gegen Zinsen für notwendige Anschaffungen an die Hochberger. Von seinem Vater Isaak Kusiel hatte er eine Wohnung in der alten Synagoge in der Hauptstr. 30 geerbt. 1886 konnte er die anderen Anteile des Hauses kaufen, so dass es ihm nun ganz gehörte und ihm nun auch die Mieten aus den anderen Wohnungen zuflossen. Sein Geld musste er aber zusammenhalten, für große Sprünge reichte es nicht. Im Ort war er als unangenehmer Geizhals, als „Pfennigspalter“ bekannt. Auch der 1977 interviewte Hochberger Gotthilf Fischer erinnerte sich an eine Medikamentenbesorgung für Ascher Kusiel: „Des war so a Pfennigfuchser. Do bin i a’mol nach Marbach g’sprunge zum Doktor barfuß und des hot so pressiert und wo i komme bin no han i 20 Pfennig kriegt. Der war so (geizig), dem hot mer net gern was g’macht“ (Im Transkript steht statt „geizig“ fälschlich „hungrig“).
Auch Alice Kusiel, die bis 1905 in Hochberg aufwuchs und später in den USA ihre Lebenserinnerungen für ihre Enkel aufschrieb, erinnerte sich an Ascher, einen Cousin ihres Großvaters: „Er war reich und geizig, aber da er mich sehr mochte, machte er mir jedes Jahr ein Ostergeschenk: Mandeln und Rosinen (als Geschenk verpackt in einer braunen Papiertüte), genauso wie er sie beim Lebensmittelhändler gekauft hatte. Er nahm alle seine Mahlzeiten im Haus meiner Großeltern ein. Das Essen musste zum Frühstück, Mittag- und Abendessen genau zur gleichen Zeit auf den Tisch stehen. Er leitete auch den Seder. Er hatte eine sehr gute und angenehme Singstimme und von da an vergaß ich die Melodien und Nigens der Haggada nie mehr. Er ersetzte auch den Kantor in der Synagoge, nachdem die Gemeinde zu klein geworden war, um sich einen zu leisten.“ Alice spricht hier vom Sedermahl im Rahmen des Pessach-Festes. Nigens sind bestimmte Melodien, die die Geschichte vom Auszug aus Ägypten emotional besonders lebendig machen sollen. Durch diese Überlieferung erfahren wir, dass Ascher vermutlich von 1901 bis 1907 der 14. und letzte, nun ehrenamtliche Kantor (Vorsänger) der jüdischen Gemeinde Hochberg war. Auffällig ist, dass der teure Grabstein Ascher Kusiels zwar mit schönen damals bei Juden wie Christen beliebten Blumenmotiven gestaltet wurde, sich aber keine hebräische Inschrift auf ihm findet. Name und Lebensdaten sind in lateinischen Buchstaben eingraviert. Anscheinend erlosch die Kenntnis der hebräischen Tradition mit Aschers Tod auch in Hochberg. 1914 gab es noch fünf Männer, fünf Frauen und zwei Kinder aus jüdischen Familien in Hochberg.
















