
Julie Israel verh. Adler: Hochberg – Cannstatt – New York – Thionville (Folge 1)
Durch Kontakte in die USA zu Verwandten ihres Ehemannes konnte jetzt die Geschichte von Julie Israel aus Hochberg aufgehellt werden: Julie Israel wurde am 31.03.1887 in der Hauptstraße 9 in Hochberg als Tochter von David Israel (1858-1914) und Pauline Israel geb. Falk (1860-1925), der Schwester von Adolf Falk geboren. Der 1977 von Arnd Breuning interviewte damals 79jährige Gotthilf Fischer erinnerte sich noch an sie: Sein Vater habe die Postkutsche von Hochberg nach Ludwigsburg gelenkt und „die Julie Israel, … die isch jo oft mit meim Vaddr g’fahre und die hot wolle nicht hinte neisitze in Poschwage, immer vorne nauf auf d’r Bock net, zum Vadder na und wenn mei Mutter amol mitg’fahre ischt und se send zufällig z’sammekomme no hot se allmol g’sagt, Frau Fischer sie sind eine echte Germania, mit ihnen fahre ich gerne net. Weil mei (Mutter) war groß!“ (In der Interview-Transkription von Breuning steht fälschlich „Bruder“ statt „Mutter“).
Am 29.06.1905, also mit 18 Jahren, heiratete Julie den 17 Jahre älteren Emanuel Adler aus Markelsheim (heute Stadtteil von Bad Mergentheim). Von 1886 bis 1889 besuchte Adler das staatliche jüdische Lehrerseminar in Esslingen und war anschließend in den jüdischen Gemeinden Jebenhausen, Ellwangen, Crailsheim und Stuttgart (1894-1909) als Religionslehrer und Kantor tätig. 1909 wurde er Religionslehrer, Kantor und organisatorischer Leiter der kleinen jüdischen Gemeinde in Cannstatt. Zeitungsberichte aus den 1920er Jahren zeigen, dass Adler in Cannstatt öffentlich wahrgenommen wurde und seine Arbeit hohe Wertschätzung erfuhr. Bei Beerdigungen oder Gemeindeveranstaltungen trat er häufig als Redner oder liturgischer Leiter auf. Die jüdische Gemeinde in Cannstatt schrumpfte in den 1930er Jahren stark. 1936 wurde sie aufgelöst und in die Stuttgarter jüdische Gemeinde integriert. Adler sprach bei der Vereinigungsfeier: „Es sind nicht nur freudige Gedanken und Gefühle, die hiebei in uns rege werden. … Wir hoffen und wünschen, dass trotz des Ernstes der jetzigen Zeit und der Ungunst der Verhältnisse die Gemeinde Groß-Stuttgart bald wieder bessere und glücklichere Zeiten entgegengehen möge.“ Diese Hoffnung erfüllte sich nicht: Die Cannstatter Synagoge wurde in der Pogromnacht 1938 angezündet. Neben der Zerstörung des jüdischen Gotteshauses wurden jüdische Geschäfte und Wohnungen in Cannstatt geplündert und jüdische Männer verhaftet. All das mussten Julie und Emanuel Adler miterleben. 1939 war die Situation für sie endgültig unhaltbar geworden. Für ihr weiteres Leben waren frühe Entscheidungen ihrer Kinder maßgeblich. Bisher waren die Nachkommen des Ehepaars nicht bekannt. Jetzt konnten die drei Kinder ermittelt werden: Alfred Adler (1906-1932), Hans Ferdinand Adler (1908-1979) und Fanny Hanna Adler (1913-2014). Alle drei Kinder wanderten vor der Verfolgung in der NS-Zeit aus Deutschland aus: Hans 1927 nach New York, Alfred 1929 nach Brasilien, wo er schon 1932 starb, und Fanny heiratete 1933 Arnold Glaser aus Thionville (bei Metz, Département Moselle) und verzog nach Frankreich. Über diese „Rettungsanker“ in den USA und in Frankreich für das Ehepaar berichten wir nächste Woche.
Foto: Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs, 16.05.1929 (Alemannia Judaica)
















