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Hauptstraße 37, 71686 Remseck
Judentum

Glaskronleuchter in der Hochberger Synagoge

Glaskronleuchter in der Hochberger Synagoge

Arnd Breuning (1939-2020) war von 1973 bis 1980 Pfarrer der Margaretenkirche in Aldingen. Breuning interviewte 1977 ältere Hochberger zu ihren Erinnerungen an die letzten Juden am Ort und transkribierte die Tonbandaufzeichnungen in exaktem Schwäbisch. In einem Hochberger Nachlass haben sich nun 24 Seiten dieser Aufzeichnungen gefunden. Letzte Woche haben wir erstmals aus ihnen berichtet. Wolfgang Wetzel aus Nürtingen-Roßdorf hat uns nun ein Foto von Arnd Breuning geschickt, der nach seiner Aldinger Zeit in Nürtingen wirkte.

Es geht weiter mit den 1977er-Aufzeichnungen: Der Hochberger Gotthilf Fischer, damals 79 Jahre alt, erinnert sich, wie er in seiner Kindheit in der Synagoge einmal beim Gottesdienst dabei war: „Die Synagoge, da bin i eimol mit drinne g’wese, wo halt en Gottesdenst g’halte worde isch und zwar in d’r Empore obe und do isch grad d’r Jakob Fellheimer, der ischt dort Mesner g’wäe, und do isch en Kronleuchter drinne g’hangt aber ganz oifach bloß mit viel Perle und iberall Kerze und des, des sie i heut no, wie der sei Stange nemmt mit dem Käpsele obe und hot die ausg’macht und hot die Kerze ausg’macht net. … Und des hot er bloß iber d‘ Kerze herzogen o isch ausg’wäe. Des war mei letzte Erinnerung.“ Fischer war vermutlich Zeuge einer der letzten Gottesdienste in der Synagoge. Schon 1905 heißt es in der Pfarrbeschreibung des evangelischen Pfarrers Eisenhut, dass von den Hochberger Juden in der Synagoge „ihrer geringen Zahl wegen nur noch selten Gottesdienst gehalten wird“. 1907 fand der letzte Gottesdienst statt. Gotthilf Fischer war also höchsten neun Jahre alt, als er auf der Frauenempore am Gottesdienst teilnehmen konnte und den Kronleuchter und das Kerzenlöschen Jakob Fellheimers von oben sah. Der Kronleuchter wird im Kaufvertrag der Schwestern Karoline, Maria und Friederike Wörz, die die Synagoge im Mai 1916 für die methodistische Gemeinde erwarben, explizit erwähnt: „Mit dem Gebäude ist alles verkauft was niet- und nagelfest ist, insbesondere die Glaskronleuchter (Anm.: Plural!) und die vorhandenen Sitzbänke. Dagegen geht auf die Erwerberinnen nicht über die sonst noch vorhandenen Beleuchtungskörper, insbesondere die Messing- und Bronce Leuchter, sowie alle sonstigen Geräte, Bücher und dergl., welche einem gottesdienstlichen Zweck dienen.“ Kann aus der Leserschaft jemand Hinweise geben, was aus dem oder den Kronleuchtern geworden ist? Sie sind offensichtlich in der Nutzungszeit des Gebäudes als methodistische Kirche entfernt (verkauft?) worden. Das kann recht bald nach dem Kauf gewesen sein, denn elektrischer Strom kam zwischen 1900 und 1910 in die Remsecker Vorgängerorte.
Der in der Erinnerung genannte kerzenlöschende Synagogendiener Jakob Fellheimer (1847-1912) war der Bruder des vorige Woche vorgestellten letzten Gemeindevorstehers und Ladenbesitzers Seligmann Fellheimer. Er galt als „äußerst geistesschwach“, blieb unverheiratet und war ab 1881 Synagogendiener. Die Gräber der beiden Fellheimerbrüder befinden sich recht gut erhalten nebeneinander auf dem jüdischen Friedhof in Hochberg. Gotthilf Fischer erinnerte sich an Jakob Fellheimer: Er „war zugleich Mesner in der Synagog und war auch Freund-Diener vom G’sangverei und hot nebebei also kei Beschäftigung hot … hat bloß nebebei noch mit Zigarre g’handelt, … do hot er immer Tasche voll g’het im Etui … also do hot der sich durchg’schlage.“

Foto: Arnd Breuning von Wolfgang Wetzel

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