
Seligmann und Fanny Fellheimers Kinder
Zu den letzten jüdischen Familien in Hochberg zählten die Fellheimers. Die 1977 interviewten älteren Hochberger erinnerten sich noch gut an die Fellheimerkinder Selma (geb. 1877), Anna (geb. 1880) und Louis (geb. 1885), mit denen sie eine Kindheit ohne irgendeine Schranke zwischen jüdischen und christlichen Familien verbrachten. Gertrud Bolay konnte nachweisen, dass es noch zwei ältere Kinder des Ehepaares Seligmann (1839-1907) und Fanny Fellheimer geb. Löwengardt (1845-1897) gab: Siegfried (geb. 1873) und Ida (geb. 1876). Seligmann Fellheimer war seit 1882 einer der Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Hochberg und übte diese Funktion vermutlich als letzter Amtsinhaber bis 1907 aus. Bis 1906 (Konkurs) betrieben die Eltern in der Hauptstraße 7 einen Laden, in dem sich die Hochberger mit Stoffen, Haushalts- und Kolonialwaren versorgen konnten. Gertrud Bolay konnte bei ihren Forschungen nur das weitere Leben von Selma aufklären, die 1931 unverheiratet in Stuttgart verstarb. Ihr Grab befindet sich auf dem jüdischen Teil des Stuttgarter Pragfriedhofs. Über das weitere Leben der anderen vier Kinder wusste man bisher fast nichts. Da die Geburtsdaten eine Verfolgung in der NS-Zeit möglich machen, bestand Klärungsbedarf:
1. Siegfried wanderte 1888 mit 15 Jahren nach Amerika aus. Er war der letzte Jude einer langen Auswandererreihe aus Hochberg, der in den USA sein Glück suchte. Dort nannte er sich „Fred, heiratete 1898 die ebenfalls eingewanderte Niederländerin Rose de Bruin und starb 1953 in Chicago. Drei Kinder sind bekannt. Vermutlich gibt es Nachkommen bis heute.
2. Ida wurde 1896 nach einer gescheiterten Amerikaauswanderung wegen einer psychischen Erkrankung in die „Heil- und Pflegeanstalt Pfullingen“ (auch „Privatheilanstalt Schloss Pfullingen“ genannt) eingewiesen, wo sie 1910 verstarb. Die Patientenakte hat sich im Staatsarchiv Sigmaringen gefunden.
3. Anna: Anlässlich des Konkurses des elterlichen Ladens 1906 findet sich in dieser Akte eine Familienaufstellung, um zu klären, wer künftig für die Heimunterbringung Idas zahlt. Anna war damals „in Stuttgart im Dienst“ mit einem Jahreslohn von 200 Mark und kam hierfür nicht in Betracht. Weiteres ist bisher nicht bekannt.
4. Louis, der nach Erinnerung der älteren Hochberger die Schule in Marbach besuchte, verzog 1907 nach dem Tod des Vaters nach Frankfurt/M. Dort heiratete er 1912 die evangelische Emilie Büchner. Ende 1923, im Krisenjahr der Weimarer Republik, wanderte das Paar von Frankfurt mit zwei Töchtern nach Amerika aus. Eine dritte Tochter wurde in den USA geboren. Die Familie lebte ebenfalls in Chicago, wo Louis 1955 starb. Es gibt Nachkommen bis heute.
Von den fünf Fellheimerkindern waren somit zwei vor 1933 bereits gestorben und zwei vor der NS-Zeit in die USA ausgewandert. Allein Annas Leben lässt sich bisher nur bis 1906 rekonstruieren. In den Datenbanken der Opfer des Nationalsozialismus ist sie nicht verzeichnet.
Foto: Grabstein Seligmann Fellheimers auf dem jüdischen Friedhof in Hochberg
















