
Ida Fellheimer: Eine traurige Geschichte
Ida Fellheimer (1876-1910) war das zweite von fünf Kindern des Ehepaars Seligmann und Fanny Fellheimer. Familie Fellheimer betrieb bis 1906 in Hochberg in der Hauptstr. 7 einen Laden für Textilien und Haushaltswaren. Seligmann Fellheimer war der letzte Vorsteher der jüdischen Gemeinde Hochberg. Er starb 1907, seine Frau bereits 1897. Idas älterer Bruder Siegfried wanderte 1888 in die USA aus. Offensichtlich wollte Ida ihm folgen und bestieg 18jährig am 3.6.1894 in Hamburg ein Schiff nach New York. In Amerika ließ man sie aber nicht einreisen und Ida wurde nach Hamburg zurückgeschickt. Vermutlich trat die später festgestellte psychische Erkrankung schon bei der Überfahrt auf. Ida kehrte nicht nach Hochberg zurück, sondern blieb in Hamburg. Dort arbeitete sie zunächst als Bedienung in einem Café, wurde aber bald wegen „gewerbsmäßiger Unzucht“, also Prostitution, aufgegriffen und zu „Correctionshaft“ verurteilt. Dabei handelte es sich um eine kurzzeitige Haftstrafe mit dem Ziel einer erzieherischen Einwirkung, um Ida vom „liederlichem Verhalten“ abzubringen. Im Gefängnis fiel offensichtlich die psychische Erkrankung auf und Ida wurde am 14.07.1895 in die Hamburger „Staatskrankenanstalt Friedrichsberg“ eingewiesen. Diese Einrichtung für psychisch Kranke war damals eine Pionieranstalt, in der erstmals psychisch Kranke nicht einfach weggeschlossen, sondern zwangsfrei behandelt wurden. Dort wurde vermutlich der Kontakt zu den Eltern in Hochberg wieder hergestellt, die seit mehr als einem Jahr vermutlich nichts mehr von ihrer Tochter gehört hatten. Am 12.09.1896 wurde Ida in Hamburg entlassen und am 14.09.1896 im Universitätsnervenklinikum Tübingen eingewiesen. Ihre Hochberger Eltern werden sie in Hamburg abgeholt und nach Tübingen gebracht haben. Dort wurde eine „chronische Manie“ diagnostiziert, was schon damals in der Medizin als „verschwommene Verlegenheitsdiagnose“ bei dauerhafter Wesensveränderung mit auffälligem Verhalten (Regelmissachtung, Streitlust, Reizbarkeit) bei unklarem Hintergrund kritisiert wurde. Die Erkrankung wurde als „erblich“ eingestuft, da der Vater angab, dass eine seiner Schwestern unter ähnlichen Symptomen gelitten habe. Vermutlich handelt es sich hierbei um Caroline Fellheimer (1837-1868) aus Hochberg. Am 25.07.1896 wurde Ida in Tübingen entlassen und in die „Heil- und Pfleg-Anstalt Pfullingen“ eingewiesen. Diese private, von der Familie Flamm geleitete Anstalt genoss damals einen sehr guten Ruf. Die Einrichtung war von 1850-1922 im Schloss Pfullingen untergebracht. In exklusivem Ambiente wurden psychisch Kranke aus wohlhabenden Familien für damalige Verhältnisse persönlich betreut. Dass Seligmann Fellheimer 1906 mit seinem Hochberger Laden insolvent ging, hing sicher auch mit den hohen Kosten für die Betreuung seiner Tochter zusammen, was im Ort vermutlich erst nach seinem Tod 1907 bekannt wurde. Da keine anderen Familienmitglieder mehr greifbar waren, wurde der Hochberger Gemeinderat Jakob Nußbaum als Vormund für Ida eingesetzt. Bis 1910 wurden die Betreuungskosten aus der Insolvenzmasse finanziert. Eine letzte Rechnung über 260 Mark datiert vom 31.01.1909. Am 12.08.1910 starb Ida in Pfullingen sehr plötzlich. Damals war es in Württemberg üblich, dass Verstorbene aus psychiatrischen Anstalten ohne Verwandtschaft zur Obduktion an die Pathologie der Universität Tübingen übergeben wurden. Dort suchte man nach anatomischen Hinweisen für die Geisteskrankheit. Ein Grab Idas findet sich weder auf den jüdischen Friedhöfen in Hochberg, Wankheim (bei Tübingen) oder Buttenhausen (bei Münsingen). Vermutlich wurde sie auf dem „Gräberfeld X“ auf dem Stadtfriedhof Tübingen, dem anonymen Gräberfeld für Sektionsleichen der Universität bestattet. Die Universität übernahm damals die Bestattungskosten als Gegenleistung für die Nutzung der Leiche zu Forschungszwecken. Die Abschrift eines Obduktionsberichtes findet sich in der Patientenakte Ida Fellheimers aus der Flamm’schen Anstalt Pfullingen, die sich im Staatsarchiv Sigmaringen gefunden hat.
Foto: Gesamtansicht der Heil- und Pflege-Anstalt Pfullingen, Stadtarchiv Pfullingen, N-Flamm, v. Nr. 25, um 1890.
















