
Das jüdische Armenhaus in Hochberg
Das Haus Hauptstraße 25 in Hochberg war das Stammhaus der Familie Straus. Hier startete Maier Straus 1819 sein Bettfederngewerbe, aus dem sich ab den 1860er Jahren über Etappen in Ulm und Cannstatt die größte Bettfedernfabrik der Welt entwickelte. 1939 wurde die Firma „arisiert“, d.h. den jüdischen Eigentümern entzogen. Das Stammhaus in der Hauptstr. 25 wurde 1911 aus dem strausschen Privatbesitz an die „Straus’sche Familienstiftung“ übertragen, die es gemäß der Zedeka (jüdische Wohltätigkeit) als Armenhaus betrieb. Hieran erinnerten sich noch die 1977 interviewten älteren Hochberger: „Do sen solche Jude neikomme, wo verarmt g’wä sind und hend ihr’n Lebensunterhalt ärmlich g’fristet. Die send natürlich von de andre unterstützt worde, jederzeit. Also d’Jude hend e’nander nicht falle lasse. Und do ischt eine Frau Kahn drin g’wäe solang i mir denke ka und isch eine Frau Strauß drin g’wäe und isch eine Frau Kaufmann drin g’wäse. Die Frau Kahn, die hot en Nasekrebs g’het, die hot immer so a Tüchle do rum’bunde g’het.“ Die Erinnerung an die drei Frauen muss sich auf einen Zeitraum vor 1925 beziehen, denn beim Tod von Karoline Falk 1925 berichteten die Zeitungen, dass seitdem Adolf Falk der einzige Jude am Ort gewesen sei. Kahn, Straus und Kaufmann waren große und verzweigte jüdische Familien in Hochberg und Umgebung. Bisher lassen sich die drei Frau nicht genau zuordnen. Wahrscheinlich handelt es sich bei Frau Straus aber um Behla / Babette Hofmann geb. Straus, die 1824 in Hochberg geboren wurde, in die USA auswanderte, in Ohio einen Mann namens Hofmann heiratete, aber später wieder allein an ihren Geburtsort zurückkehrte. Sie starb am 16.09.1907 und wurde auf dem Hochberger Friedhof beigesetzt. Möglicherweise stand anschließend kein verarmtes Mitglied der Großfamilie Straus als Bewohner zur Verfügung und das Haus wurde als allgemeines jüdisches Armenhaus umgewidmet. 1939 wurden die Vermögen der jüdischen Stiftungen in die von den Nazis gegründete und kontrollierte „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ überführt. Auch im Hochberger Grundbuch wurde eine Übertragung vermerkt: Für „Wohnhaus mit Laubhütte, Abtritt, Holzschopf und Hofraum“ plus zwei Gemüsegärten wurde ein Wert von 13,5 Mark eingetragen. 1942 fand ein Beamter im Ludwigsburger Landratsamt diese Eintragung mit Recht nicht verständlich, stellte eine Nachfrage beim Hochberger Bürgermeister und multiplizierte durch Bleistiftvermerk diese Angabe mit Hundert. Der NS-Staat veranlasste, dass die Immobilien der Reichsvereinigung zu Geld gemacht wurden. Damit sollte zunächst die jüdische Auswanderung finanziert werden. Als diese nicht mehr möglich war, wurden die Verkäufe unter sozialpolitischen Gesichtspunkten vollzogen: Am 06.07.1942 wurde die Immobilie von der Reichsvereinigung für 1000 Mark an eine kinderreiche Hochberger Familie verkauft. Diesem sog. „Entjudungsvertrag“ stimmten am 11.08.1942 der württembergische Wirtschaftsminister und am 05.10.1942 der Ludwigsburger Landrat zu. Der niedrige Preis wurde auch damit begründet, dass das Gebäude baufällig sei und Instandsetzungen „seit Jahren unterlassen wurden“. Möglicherweise stand das Gebäude zuvor anderthalb Jahrzehnte leer. Nachdem Adolf Falk am 02.02.1939 sein Haus in der Hauptstr. 18 vor seiner erzwungenen Auswanderung nach England verkauft hatte, war die Hauptstraße 25 bis 1942 das letzte Hochberger Gebäude in jüdischem Besitz.
















