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Judentum

Die letzten Hochberger Juden und die Speisevorschriften

Die letzten Hochberger Juden und die Speisevorschriften

Arnd Breuning (1939-2020) war von 1973 bis 1980 Pfarrer der Margaretenkirche in Aldingen. Breuning interviewte 1977 ältere Hochberger zu ihren Erinnerungen an die letzten Juden am Ort und transkribierte die Tonbandaufzeichnungen in exaktem Schwäbisch. Nachfolgend Folge 4 aus diesen Aufzeichnungen:
In Folge 3 wurde berichtet, dass sich David Israel einer der letzten Juden in Hochberg an das dreimal tägliche Gebet im Judentum gehalten hat und das Morgengebet (Schacharit) an Wochentagen mit Gebetsriemen an Arm und Stirn (Tefillin) und zwei kleinen schwarzen Lederkapseln, die Texte aus der Tora enthalten, abgehalten hat. Die älteren Hochberger berichten auch, dass sich die jüdischen Familien an ihre Speisevorschriften gehalten haben: Schweinefleisch wurde nicht gegessen, die Innereien von Tieren, insbesondere die Leber, nach dem Schlachten an Christen verkauft und bei Metzger Falk gab es keine Schwarzwurst zu kaufen. Eine Geschichte ist besonders interessant: Bei der Familie Falk oder der Familie Israel „hot des (christliche) Dienstmädle wolle bald Feierabend (mache). Des G’schirr hat doch misse in zwei Schüssle g’spült werde, do des Kaffeeg’schirr und do des Fette. Die hot welle schnell fertig werde und hat des G‘schirr no in oim Wasser g’spült und no isch die Judefrau d’zu komme und no hen se s ganze G‘schirr also in Müll g’schmisse. Des G‘schirr sei … nemme koscher.“ Die Trennung von Geschirr für Milchiges (hier Kaffee mit Milch) und Fleischiges (hier Fettes) ist ein Grundpfeiler der jüdischen Speisegesetze. In einer koscheren Küche werden separate Töpfe, Pfannen, Teller, Besteck in unterschiedlichen Farben vorgehalten, um Verwechslungen zu vermeiden (häufig rot für fleischig, blau für milchig) und getrennte Spülvorgänge vorgenommen. Sollte Geschirr versehentlich falsch verwendet oder gemeinsam gespült werden, kann es in der Mikwe, dem Ritualbad der Gemeinde, rituell gereinigt werden – ein Vorgang, der „Kaschern“ genannt wird. Das war in Hochberg aber nicht mehr möglich, denn im Visitationsbericht des Bezirksrabbiners von 1898 zur Hochberger jüdischen Gemeinde ist zu lesen: „Die Mikwe konnte nicht besichtigt werden. Sie ist verfallen. Herr Kirchenrat empfiehlt von Religionswegen dringend die Restaurierung.“ Da Kaschern in Hochberg somit nicht mehr möglich war, wurde das gesamte Geschirr weggeworfen. Man kann sich vorstellen, dass diese Geschichte im damals sehr ärmlichen Hochberg die Runde machte.

Nicht nur in dieser Geschichte, sondern auch generell weisen die Berichtenden 1977 darauf hin, dass „die Judefamilien, die hend jo alle Dienstmädle g’habt“. Die christlichen Dienstmädchen waren in den jüdischen Familien dauerhaft beschäftigt. Das aus Freudental bekannte Phänomen des Shabbesgois, einer für den jüdischen Feiertag kurzfristig angestellten christlichen Haushaltshilfe, die am Sabbat Aufgaben übernahm, die das jüdische Gesetz den Familienmitgliedern verbot (vor allem Feuer machen, Kochen, Licht einschalten), gab es daher so in Hochberg nicht, da den jüdischen Familien dauerhaft christliche Haushaltshilfen zur Verfügung standen. Die älteren Hochberger erinnern sich 1977 an Dienstmädchen aus Poppenweiler, Bittenfeld, Neckarrems und Nellmersbach in jüdischen Haushalten.

Bild: Verschiedenfarbige Geschirrtücher für fleischiges und milchiges Geschirr (Wikimedia Commons)

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