
Das Aldinger Camp 71 1945/46 als Internierungslager
Letzte Woche hatten wir über das Camp 71 von 1946/47 für 950 polnische DPs berichtet. Bevor die Displaced Persons einzogen, wurde das Barackenlager aus der NS-Zeit auf Aldinger Gemarkung (heute Grünbühl) von Mai 1945 bis Mitte 1946 durch die Amerikaner als Internierungslager für 2.500 NS-Belastete benutzt. Vor allem Funktionäre, die das NS-Regime auf Orts- und Kreisebene repräsentiert hatten, waren bei Kriegsende in der amerikanischen Besatzungszone in den „automatic arrest“ genommen worden. Sie wurden in diesen Lagern verhört und festgehalten, bis in einem sog. Spruchkammerverfahren eine Entscheidung über die Kategorie der Belastung (belastet, minderbelastet, Mitläufer, entlastet) gefällt wurde. Insgesamt wurden in der US-Zone bis Dezember 1945 117.500 Personen interniert. Im Laufe des Jahres 1946 wurden 44.000 wieder entlassen.
Über die Zustände in den Camps gab es wilde Gerüchte, zumal es zunächst gar keinen Außenkontakt gab und der ab Dezember 1945 eingerichtete postalische Verkehr mit Angehörigen streng zensiert wurde. Das wird ein Grund gewesen sein, warum die amerikanische Militärregierung sich entschloss, gerade über das vor der Auflösung stehende Camp 71 in Aldingen 1946 ein aufwändig gestaltetes und reich bebildertes Lagerbuch zu veröffentlichen, das einen entspannten Eindruck über das Leben im Camp vermitteln sollte. Die 74 im amerikanischen Magazin-Design gehaltenen Seiten wurden offensichtlich von den deutschen Lagerinsassen unter amerikanischer Aufsicht hergestellt. Es wird betont, dass das Camp zur Selbstverwaltung der inneren Abläufe einem deutschen Lagerleiter und seinem Team aus 38 Insassen übertragen wurde. Es gab 10 deutsche Abteilungsleiter (Bauabteilung, Werkstätten, Küche, Kulturelles usw.) und 25 Barackenälteste, die die Kernstruktur der Selbstverwaltung bildeten. In den kleinen Stuben waren in Stockbetten jeweils 12 Internierte untergebracht. Dass dies sehr beengte Verhältnisse waren, sieht man allein daran, dass die Belegung des Camps 1946 von 2.500 Internierten auf 950 DPs sank. Im Buch findet man aber viele Fotos, die eine gemütliche Atmosphäre auf den Stuben vermitteln sollen. Um nicht unglaubwürdig zu wirken, finden sich die harten Seiten des Lagerlebens auch angedeutet: Fotos vom täglichen Roll-Call (Zählappell) und der Entlausungsanlage sowie Hinweise auf die erfolgreich abgeschlossene Wanzenjagd dokumentieren das genauso wie künstlerische Darstellungen der Insassen, die deren angespannte psychische Situation dokumentieren. Bilder vom Wohnen, Arbeiten, Essen und der Wahrnehmung kultureller Angebote im Lager machen den größten Teil des Buches aus. Eine Lagerschule vermittelte vor allem Fremdsprachenkenntnisse und berufliche Fähigkeiten, die die Insassen sich gegenseitig weitergaben. 70 Internierte waren als Lehrer tätig. Auch die Re-Education (Umerziehung) wird in nebulösen Worten angesprochen: Nach dem „größten Zusammenbruch eines Volkes in der Weltgeschichte“ müssten die „Thesen der Weltanschauung von gestern“ nun durch „ein Bekenntnis zu den Lebensmöglichkeiten von heute und morgen ersetzt werden“. Hierzu gab es eine täglich erscheinende Lagerzeitung „Schwarz auf Weiss“ und seit Frühjahr 1946 Lautsprecherübertragung von Radioprogrammen im Camp. Die letzte Seite des Buches ist mit der Zeichnung einer Distel an Stacheldraht und einem Gedicht „Tag der Vollendung“ gestaltet: „Habe Geduld! Denn das Leben spricht Recht, hast Du Dein Herz erst befreit vom Draht, grünt selbst die Distel im rost’gen Geflecht, kündet: der Tag der Vollendung naht! Den aber grüßt das geläuterte Licht, der die bestandene Prüfung lobpreist. Und er entschreitet frei dem Gericht. Siehe, der Draht mit den Dornen zerreißt.“ Man ist fast an Wolfgang Borcherts bekannte Kurzgeschichte „Die Hundeblume“ erinnert, die im Mai 1946 erschien und des Autors Erfahrung in einem NS-Gefängnis anhand eines Löwenzahns im Lager als Symbol für Hoffnung und Freiheit beschreibt. Das Camp-Gedicht ist aber eher zwiespältig. Aus vielen späteren Zeugnissen ehemaliger Internierter weiß man heute, dass bei den meisten sich ein Prozess des Umdenkens eher nicht einstellte. Stattdessen richtete man sich in einer Märtyrerrolle ein.
Fotos: Titelbild des Buches „Camp 71“, Military Government Württemberg-Baden., Druck Chr. Belser, Stuttgart 1946.
















