
Hochberger Juden und die Pockenschutzimpfung
Im 18. Jahrhundert waren die Pocken eine gefürchtete Krankheit mit einer Sterblichkeitsrate von bis zu 40 Prozent. Überlebende waren meist durch Narben entstellt oder gar erblindet. 1796 entwickelte Edward Jenner die Impfung mit Kuhpocken als erste moderne Impfung überhaupt. Jenner erkannte, dass an Kuhpocken Erkrankte – eine für Menschen leichte Erkrankung – anschließend nicht nur immun gegen Kuhpocken, sondern auch immun gegen die gefürchteten Pocken waren, weil deren Erreger eng verwandt sind. 1818 wurde der Impfzwang gegen Pocken in Württemberg eingeführt. Damit begann der Aufbau eines staatlich organisierten Gesundheitssystems im Königreich, was auf massiven Widerstand vor allem auf dem Lande stieß. Man widersetzte sich dem staatlichen Zwang, zumal man die Impfung selbst zahlen musste und argumentierte, dass die Pocken ein natürlicher Reinigungsprozess des Körpers seien, fühlte sich in der Skepsis bestätigt, als geimpfte Kinder später an Pocken erkrankten, weil sich herausstellte, dass die Impfung nicht ein Leben lang hielt. Da die Kuhpocken selten waren, hatte man auch zu wenig Impfstoff und ging zur „Arm-zu-Arm-Impfung“ von Mensch zu Mensch über. Erst in den 1860er Jahren erkannte man, dass das Impfbesteck zwischen den einzelnen Impfungen sterilisiert werden muss. Bei der Übertragung der Lymphe immunisierter Menschen auf andere wurden so aber auch Hepatitis, Syphilis und viele andere Krankheiten massenhaft mit übertragen, was den Widerstand gegen die Impfung weiter erhöhte. Wegen Impfstoffmangel rief die württembergische Regierung Bauern und Viehhändler auf, „natürlich pockenkranke Kühe“ zu melden. Der Staat bot 4 Kronenthaler pro Kuh, wenn erfolgreich Impfstoff gewonnen werden konnte, den halben Betrag, wenn der Stoff bei Impfversuchen ausschied. Erst ab 1860 wurde der Impfstoffmangel durch die künstliche Infektion von Kälbern mit dem Virus gelöst, was dann schlagartig die Massenproduktion ermöglichte. Im Schwäbischen Merkur wurde am 28.03.1829 die Liste der Kuhpockenmeldungen zur Impfstoffgewinnung veröffentlicht. Es waren nur 35 Fälle in Württemberg. Man kann davon ausgehen, dass bei vielen Bauern und Viehhändlern die Vorbehalte gegen das Impfen größer waren als der finanzielle Anreiz. Aus den Remsecker Vorgängerorten waren drei Meldungen dabei: Herz Grabenheimer, Ephraim Kusiel und Abraham Herz aus Hochberg. Alle drei waren jüdische Viehhändler. Auch bei der 1833 veröffentlichten Liste, die in ganz Württemberg nur 7 Fälle nennt, ist zweimal Herz Grabenheimer als einziger „Remsecker“ Melder vertreten. Wie kann man die hohe Präsenz jüdischer Viehhändler erklären? Erstens hatten Viehhändler einen höheren Umschlag an Tieren als Bauern, so dass die Wahrscheinlichkeit auf Kuhpocken zu stoßen, höher war. Zweitens waren Viehhändler bereits Teil der Geldwirtschaft und reagierten auf finanzielle Anreize eher als Bauern, die noch weitgehend in der Naturalwirtschaft lebten. Drittens war das Bildungsniveau in jüdischen Gemeinden deutlich höher als im christlichen Umfeld und viertens sprachen sich sehr früh im 19. Jh. einflussreiche Rabbiner in Deutschland für die Impfung aus: Rabbi Israel Lipschitz (Danzig) argumentierte, dass es erlaubt sei, sich einer geringen Gefahr durch die Impfung auszusetzen (selbst bei einem Todesrisiko von 1 zu 1000), um der weitaus größeren Gefahr einer natürlichen Pockeninfektion zu entgehen. Er bezeichnete Edward Jenner als einen „Gerechten unter den Völkern“. Zeitgenössische Beobachter stellten fest, dass jüdische Gemeinden deutlich schneller bereit waren, die Pockenschutzimpfung anzunehmen als andere Bevölkerungsgruppen. Im Gegensatz zu christlichen Gruppen, die das Impfen öfters als Eingriff in Gottes Willen sahen, gab es im Judentum des 19. Jahrhunderts kaum eine organisierte religiöse Impfgegnerschaft. Viele Argumente und Vorgänge erinnern an die Diskussion um die Coronaimpfung 2021, bis hin zur Vorreiterrolle Israels bei der Impfung. Unstrittig wurden die Pocken aber durch die Impfung besiegt. 1980 wurden sie nach einer weltweiten Impfkampagne für ausgerottet erklärt. Als Erinnerung daran tragen viele ältere Menschen noch die typischen Narben am Oberarm, die an die Pockenschutzimpfung in den 60er/70er Jahren mit der Impfpistole erinnern.
Foto: Radierung J.F. Bolt 1807, DHM Berlin
















