
Gustav Kusiel
Der Hochberger Jude Isidor Kusiel (1865-1931), Bruder des Pferdehändlers Salomon Kusiel (1866-1940) und Onkel der Alice Ottenheimer (1893-1987), heiratete 1889 Pauline Gerstle (1864-1942) aus der jüdischen Gemeinde im bayerischen Ichenhausen. Schon 1892 zog das Paar von Hochberg nach Ludwigsburg um, wo Isidor einen Pferdehandel für das Militär betrieb. Daher ist nur der älteste Sohn Gustav Kusiel 1890 in Hochberg geboren. Die weiteren vier Kinder, von denen eines früh starb, kamen in Ludwigsburg zur Welt. Was ist aus Gustav Kusiel geworden, der 1933 bei der NS-Machtübernahme 43 Jahre alt war? Bei Gertrud Bolay (Jüdischer Alltag in Hochberg, 2001, S. 193) lesen wir: „Gustav … war als Kaufmann im Tabaksgeschäft tätig. Er war mit Maria Pelikanova, einer Nichtjüdin, verheiratet. 1921 wurde die Tochter Elsbeth geboren. Nach der Trennung ihrer Eltern und der Auswanderung ihres Vaters Gustav in die USA wohnte sie bei ihren Großeltern … in Ludwigsburg … Im Mai 1945 siedelte sie nach Frankreich über.“ Zu diesen Informationen sind keine Quellen angegeben. Inzwischen haben sich drei weitere Hinweise gefunden, die das Bild unklarer machen:
1.) Gustav Kusiel wanderte bereits im Januar 1913 (!) in die USA aus. Er ist eindeutig auf der Passagierliste eines Ozeandampfers von Bremen nach New York verzeichnet. Hat er seine Frau mit wohl tschechischem Hintergrund in den USA kennen gelernt und ist nach dem Ersten Weltkrieg nach Deutschland zurückgekehrt?
2.) In den Arolsen Archives findet sich in der Frankfurter Gestapo-Kartei eine Karteikarte zu Gustav Kusiel: Demnach ist 1925 wegen „Verdacht auf Spionage“ gegen ihn ermittelt worden. Die Polizei der Weimarer Republik hatte 1931 diesen Vermerk angelegt, der in der NS-Zeit in die Gestapo-Kartei übernommen wurde. Eine Nachfrage zum auf der Karteikarte angegebenen Aktenzeichen beim Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden ergab, dass es sich um eine Vorgangsnummer der Landeskriminalpolizeistelle handelt, die später von der Gestapo übernommen wurde. Die Unterlagen dieser Dienststelle wurden jedoch schon vor Kriegsende systematisch vernichtet, so dass sich der Vorgang nicht weiter aufklären lässt.
3.) Gustav Kusiels Mutter Pauline konnte noch im letzten Moment 76jährig und allein aus Deutschland emigrieren: Am 25.10.1941 erreichte sie mit einem Schiff aus Havanna (Kuba) New York. Bereits am 24.12.1942 starb sie dort. Seit 1937 hatte sie im Israelitischen Landesasyl in Sontheim, einem jüdischen Altersheim, gelebt, das im November 1940 von den Nazis zwangsaufgelöst wurde. Ca. 10 Monate lebte sie anschließend bei Verwandten und Freunden in Ludwigsburg und Stuttgart, bevor die Ausreise via Lissabon und Havanna gelang. In der deutschsprachigen New Yorker Exilzeitung „Aufbau“ vom 01.01.1943 fand sich jetzt eine Todesanzeige. Darin werden die damals in New York lebenden Kinder Justin und Pepi (beide 1937 aus Ludwigsburg emigriert) sowie Sigwart in Brasilien (schon nach dem 1. Weltkrieg ausgewandert) genannt. Gustav wird nicht erwähnt. Vermutlich war er daher zur Jahreswende 1942/3 schon gestorben. Die Hintergründe sind unklar.
Foto: Todesanzeige im „Aufbau“, New York, 01.01.1943 (Dt. Zeitungsportal)
















