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Hauptstraße 37, 71686 Remseck
Judentum

Hauptstraße 35: Das Gasthaus „Sonne“ in Hochberg

Hauptstraße 35: Das Gasthaus „Sonne“ in Hochberg

 

Im Haus Hauptstr. 35 neben der ehemaligen Synagoge befindet sich heute der Pizza Kurier. 100 Jahre gab es dort die Gastwirtschaft „Sonne“ direkt neben der Synagoge. Ursprünglich war das Grundstück im Besitz des jüdischen Bettenhandlers Zion Lazarus (1804-1888), der es 1842 an Hayum Israel (1811-1863) verkaufte. Hayum war bereits seit 1841 als Bettenfabrikant und Teilhaber der Firma „Straus & Cie.“ in Ulm ansässig, tätigte in seinem Heimatort Hochberg aber zeitgleich noch Immobiliengeschäfte. 1844 verkaufte er an den christlichen Sattlermeister Jakob Vollmer (1808-1891, 1849-52 Bürgermeister Hochbergs). Sicher hat das die jüdische Gemeinde nicht erfreut, aber Hayum wird das in Ulm egal gewesen sein. Vollmers Bauvorhaben 1846 scheiterte sofort am harten Widerspruch der jüdischen Gemeinde. Die Details sind unklar. Es ging um die Störung der Sabbatruhe direkt neben der seit 1829 bestehenden Synagoge. Man traf sich vor Gericht und Vollmer verlor. So wechselte das Grundstück noch zweimal den Besitzer, bis 1864 der Bäcker Johann Gottlieb Kunz (1828-1878) einen erneuten Versuch startete. Kunz schrieb an den Gemeinderat, dass er einer von vier Bäckern in Hochberg sei und ein Nebengewerbe benötige, um zu überleben. Daher beantrage er die Konzession für eine Bierwirtschaft. Dem widersprachen die fünf Gastwirte am Ort, einschließlich der zwei jüdischen, da auch das Gastgewerbe in Hochberg völlig überbesetzt sei. Außerdem stehe das „Wohnhaus Kunz (…) neben der Synagoge und es gab schon beim Aufbau desselben zum Zweck eines Privathauses einen Prozeß, um wieviel mehr jetzt, wenn die Sabbatruhe der Israeliten auch noch durch wirtschaftliche Tumulte gestört werden würde.“ Kunz wehrte sich mit einem Marktlückenangebot im Weindorf Hochberg: „Es entspricht der Wahrheit, dass bisher keiner der Wirte in Hochberg winters fortwährend Bier ausschenkt. Nun ist die Winterszeit diejenige, wo die ländliche Bevölkerung am ehesten Zeit und Lust hat, sich der Geselligkeit hinzugeben. Der Genuss des Biers ist auch so allgemein als Gewohnheit in alle Schichten der Bevölkerung eingedrungen, er ist vielfach auch für Kranke so erwünscht, dass ein geordneter regelmäßiger Bierausschank das ganze Jahr hindurch sicher auch in Hochberg als örtliches Bedürfnis erscheinen muss.“ Kunz kassierte trotzdem beim Oberamt und der Kreisregierung Ablehnungen, gab aber nicht auf und nahm sich einen Rechtsvertreter. 1867 hatte er schließlich Erfolg mit einer Eingabe, die vom Bürgerausschuss und 85 Hochbergern (Christen und Juden) unterzeichnet wurde. Jetzt half auch der erneute Widerspruch des „israelitischen Kirchenvorstandes“ und der fünf Wirte nichts, die so weit gingen, den Hochberger Gemeinderäten die „Integrität ihrer Gesinnung“ abzusprechen. Am 13.12.1867 erhielt Kunz die Konzession für die Wirtschaft, aus der nach 1900 die „Sonne“ werden sollte. Der Wirt und seine Gäste scheinen den jüdischen Sabbat respektiert zu haben. In einem gemeinderätlichen Zeugnis wird Kunz 1874 bezeugt, „daß er in seiner Wirtschaft gut Ordnung gehalten hat und wegen Polizeivergehen nie gestraft worden ist.“ Nach den Wirten Robert Fischer (Wirt 1873-1896), Karl Fischer (1896-1905); Karl Beck (1905-1918) war Adolf Kurz ab 1918 Wirt der Sonne. Er warb für sich mit einem Reim: „Zu Hochberg an dem Neckarstrand, ein Dörflein fein und lieblich. Zur Kirchweih gibt`s dort allerhand, auch ist es sehr gemütlich. Und wer sich nicht kennt aus im Nest, der fragt nur nach der „Sonne“. Dort herrscht das wahre Kirchweihfest, es ist nur Freud und Wonne. Dass keiner sich jedoch verirrt: heiß‘ Adolf Kurz, bin Sonnenwirt!“ Adolf Kurz verdanken wir auch den Erhalt der ehemaligen Synagoge in Hochberg: Als abends am 9. November 1938 SA-Männer vor dem Gebäude erschienen, um es zur Reichspogromnacht anzuzünden, ging er auf die Straße und verhinderte die Zerstörung, indem er den SAlern erklärte, dass das Gebäude seit 1916 eine Kirche der methodistischen Gemeinde und keine Synagoge mehr sei. Die alarmierte Nachbarschaft unterstützte Kurz‘ Auftritt und die SA zog ab. So war die Synagoge beim Start der Sonne ein Hinderungsgrund und später rettete der Sonnenwirt die Synagoge.

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